Alltagsrassismus beginnt im kleinen Kreis, manifestiert sich in den einzelnen Köpfen und entwickelt eine Kraft, die wir nicht unterschätzen dürfen.

Das koffeinhaltige Heißgetränk ist serviert. Der Kuchen beglückt die Zunge überschwänglich. Glückshormone beflügeln die Gedanken und schon ist es wieder angerichtet: der übliche Kaffeklatsch, der sich mit erstaunlicher Primitivität in engstirnigen Meinungsblasen entfaltet und immer großflächiger Anklang zu finden scheint. Dort sitzen sie also beisammen und warten nur auf die erste Vorlage, um zum Rundumschlag auszuholen: Gegen “die fremde Gefahr”.

“In Deutschland kann man sich ja kaum noch auf die Straßen trauen.” Innerlich applaudierend wird heftig im Kreis umher genickt. Ratlose Seufzer durchbrechen die Stille. Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, dessen Nichte schreckliche Erfahrungen mit einem „dieser Männer“ gemacht hat. „Es ist eben einfach eine andere Kultur“. So berichten sie von Lebenswelten, die sie nicht selbst erfahren und die sie nicht auf Grundlage echter Recherche beurteilen. Doch die Bestätigung in der eigenen Meinungsblase gibt ihnen Recht. Die Boulevard-Presse befeuert die fragwürdige Argumentationsgrundlage mit marktschreierischen Slogans, die an jeder Supermarktkasse zahlreiche Leser finden.

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Überhaupt weiß man heutzutage ja gar nicht mehr “was man noch sagen darf”. Für ein ganz versöhnlich gemeintes “N***r” wird man ja schon schief angesehen. Anstatt zu hinterfragen, warum die Herkunft oder Hautfarbe einer Person überhaupt eine Rolle spielt und Menschen nicht als Individuen mit unterschiedlichen Charakteren gesehen werden, prügeln sie auf die völlig „missratene politische Korrektheit” ein, mit denen ihnen „die Gutmenschen“ das Leben schwer machen wollen.

Lachen ist gesund. Wer also den Witz hinter Auschwitz Vergleichen oder Stereotypen Rassentheorien nicht versteht, sollte endlich lernen das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Was ist schon der Massenmord auf Grund blinder Ideogien, wenn die Pointe im Zwerchfell kribbelt. Was ist schon Hass aus Oberflächlichkeit, wenn ein Platz im Spotlight der heiteren Runde winkt. Dabei merken diese Alleinunterhalter nicht wie empathiebefreit die Ansichten und wie traurig das abgestumpfte Wesen über den Boden marschiert.

Titelbild Alltagsrassismus

Wer sind “die” und wer sind “die anderen”? Personen, die sich selbst in größtem Maße darüber empören zu einer Gruppierung, nämlich die der Rechten, stigmatisiert zu werden, reflektieren das eigene Schubladendenken erstaunlich wenig. Nicht jeder, der beschriebenen Menschen ist ein Nazi. Nicht jeder ist rechtsradikal. Viele von ihnen sind naiv und haben eine schwache Persönlichkeit. Das Wiederholen aufgeschnappter Meinungen gibt ihnen das Gefühl zugehörig zu sein. Ein echter Anker in einer viel zu schnelllebigen Welt, in der die eigene Rolle unklar erscheint. Hier liegt die Gefahr. Während die einen mit voller Überzeugung ihr Lebenswerk in der Verurteilung anderer Menschen sehen, machen diejenigen diese Meinung salonfähig, die wegsehen oder unbedacht zustimmen.

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Die Gefahr liegt im schleichenden Prozess. Der träge und vorsichtige Gang wird unbemerkt schneller und stärker. Bis er vom Militärmarsch kaum zu unterscheiden ist. Zurück bleiben tiefe Stiefelabdrücke, die ihren Ursprung in Braunau erahnen lassen. Jene Stiefelabdrücke, von denen ich gedacht habe, dass sie nach 45 nie wieder einen Platz in unserer Gesellschaft finden können.