Fühlst Du Dich zu dick, zu untrainiert, zu hässlich? Lass dir nichts vormachen. Du bist wunderschön, ganz genauso wie Du bist.

Als ich ein Kind war, hatte ich eine große Sammlung mit “Action Men”. Heute gibt es diese Spielzeugreihe soweit ich weiß nicht mehr. Dafür genug andere muskulöse Helden. Meinen “Action Man” hatte ich in unzähligen Ausführungen. Mit Boot und Auto, auf Inlinern, im Dschungel Outfit, als Boxer. Egal welches Szenario, für ihn war keine Mission zu groß. So wie er, wollte ich auch sein. Also schlich ich mit circa 11 Jahren in den Dachboden. Dort hatte ich schon vor langem Papas grüne Kurzhanteln entdeckt. Während ich die überschaubaren Kilos wild und unkontrolliert hin und herwuchtete sah ich mich vor innerem Auge schon als “Action Man” mit gestälertem Sixpack durch die Grundschule stolzieren. Ein Mädchenschwarm. Alle Blicke auf mich. Meiner Schwester ging es da nicht viel anders. Ihre Barbie Sammlung war beachtlich und so stand auch in ihrem naiven Kinderkopf schnell fest, worauf es im Leben ankommt: Eine schlanke Taille, schöne Schminke und viele Kleider. Mama’s Kosmetikkoffer war natürlich unwiderstehlich und zum Üben musste ich als kleiner Bruder nicht selten herhalten. Mensch war ich eine Dragqueen. Freddie Mercury wäre stolz gewesen.

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Es war eine schöne Zeit und ich werde sie vermissen, doch gleichzeitig blick ich heute kritisch auf sie zurück. Das was sich die großen Konzerne da ausgedacht haben, ist schon ziemlich erschreckend. Von klein auf werden wir zu unmündigen Konsumenten erzogen, die hohlen Idealen nacheifern. Als Kind schon geködert durch Vorbilder, die uns in angesagten Fernsehsendungen mit reichlich Sound- und Bildeffekten schmackhaft gemacht werden, gefolgt von einer intensiven Bearbeitung im Jugendalter. In dieser Zeit sind wir besonders empfänglich. Wir versuchen unsere Rolle in dieser Gesellschaft zu finden. Wir sozialisieren uns fortlaufend, ordnen uns aktiv bestimmten Lebensstilen zu, durchleben turbulente Zeiten in der Pubertät, werden von der ersten Liebe gequält und fühlen uns nicht selten verloren und orientierungslos. Unser kapitalistisches System weiß das sehr gut und kennt den perfekten Weg das große Ziel der Profitmaximierung dadurch zu fördern: Noch mehr Gehirnwäsche. Sie beginnt in der Werbung, manifestiert sich in Film, Musik und Entertainment und gipfelt im Freundeskreis, der die Werbeslogans unmündig zur neuen Leitkultur erhebt. Mit Pickeln bist Du hässlich und wirst immer einsam sein, doch wer hätte es gedacht, die Konzerne haben ein Mittelchen als Lösung für alle Probleme. Dann bekommst Du mit Links das hübscheste Mädchen der Schule, wie der Kerl im Werbespot. Über Dicke Menschen lacht jeder also kauf dir die mit krebserregenden Süßstoffen durchtränkten Light-Produkte. Lass Dir Deine Nase operieren, die Brüste vergrößern und die Lippen aufspritzen. Denn nur wenn du aussiehst wie die Kunststoff Influencerinnen, werden Dich Deine Mitmenschen bewundern. Sobald die üblichen eingetrichterten Komplexe im fortgeschrittenen Alter nicht mehr so ganz ziehen, macht sich das System den natürlichen Lauf der Dinge zu Nutze. Altern ist nicht normal und Falten sind in Zeiten von Photoshop und Weichzeichner Filtern der Inbegriff der Anti-Ästhetik. Wer hätte es gedacht. Auch hier unzählige Pseudo Lösungen gegen Haarausfall, Falten und für straffere Haut. Mit “Anti-Aging” gibt es sogar eine ganze Schublade für unzählige nutzlose Marketingkampagnen. Diese Liste könnte ich endlos fortsetzen. Ich denke Du verstehst, worauf ich hinausmöchte.

Wenn es nach unseren Medien und unserer Gesellschaft ginge, wären wir alle Klone eines künstlich geschaffenen Ideals. Diese Vorgaben, wer oder was schön ist, werden uns immer wieder in allen erdenklichen Situationen in den Kopf gemeißelt. Gipfelnd bei Fernsehformaten wie “Germanys Next Topmodel” oder bewusst aufgebauschten Veranstaltungen wie die “Ms und Mr Land XY Wahlen” feiern sie selbst den Erfolg der Menschheitsverblödung und treiben unzählige Heranwachsende in die Magersucht.

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Im Laufe der Geschichte gab es häufig vorherrschende Schönheitsideale. So gab es Zeiten, in denen ein fester Körperbau mit Wohlstand und besonders breite Hüften auf hohe Gebährfreudigkeit hinwiesen. Heute würde unsere Gesellschaft diese Menschen spöttisch fett nennen. Ich hoffe ich muss hier jetzt nicht die unzähligen “Du bist so fett…” Witze zur Verdeutlichung auspacken. Vergangene Schönheitsideale halte ich für genauso sinnlos und bösartig wie die heutigen. Jedes Wesen ist ein Kunstwerk. Das dachte sich wohl auch “Da Vinci” als er damals seine “Lisa de Giocondo” mit seinem “Mona Lisa” Gemälde verewigte. Für ihn stellte sie wohl ein Ideal dar, doch in einer Welt voller “Mona Lisas” wollte er als Naturphilosoph bestimmt nicht leben. Es sind die Unterschiede die uns besonders machen. Deine Nase ist nicht krumm, sie ist dynamisch und aufregend. Dein Bauch ist nicht dick, er strahlt Gemütlichkeit aus. Deine Narben, Falten oder grauen Haare sind nicht hässlich, sie erzählen interessante Geschichten vergangener Tage. Es sind die Ecken und Kanten die Dir Charakter verleihen.

Die gesellschaftlichen Schönheitsideale zu hinterfragen und zu ignorieren, gelingt den Wenigsten. Ich habe lange gebraucht zu akzeptieren, dass ich nicht wie mein Action Man aussehen muss und trotzdem auf meine Art Kunst bin. Lebewesen sind nicht von außen schön oder hässlich. Sie sind besonders von innen heraus ein Gesamtkunstwerk und erstrahlen so in unendlicher Ästhetik. Glattgebügelte Cyborgs werden noch früh genug über unseren Planeten wandeln. Lass uns lieber Mensch bleiben.