Die Welt wandelt sich. Der Kapitalismus durchfrisst alle Lebensbereiche und entsaftet die letzte Seele, indem er ein Preisschild an die Kunst tackert. Auch die Musik ist befallen.

Die Körper großer musikalischer Werke liegen als leere Hüllen umher. Tapes sind schon lange dem wiederkehrenden Bleistift, der sie qualvoll zum Startpunkt zurückzwingt, zum Opfer gefallen. Walkmans zieren schon bald als letzte Relikte der analogen Welt die Museumshallen. Die Tasten der MP3-Player fliegen durch die Umzugskartons der Dachböden. Lange hält das hochgiftige Billigplastik nicht, wenn Geräte seit der Wende des letzten Jahrhunderts nur noch einen Monat über die Garantiezeit leben sollen. Die letzte Liebe für Vintage und Nostalgie schnappt noch einmal nach Luft und hält die verstaubten Vinylplatten mit reichlich gutem Willen in einem hinteren Eck der Schrankwand gefangen. Risse reihen sich über die Hüllen der letzten verbleibenden CD’s. Die kleinen Plastik-Stäbchen des CD-Trays, die eigentlich die Scheibe sicher in der Hülle halten sollen, klappern eigenwillig umher und kratzen tiefe Kerben in die schimmernde Oberfläche des empfindlichen Mediums. Kurz darauf findet man eine weitere „CD Sammlung“ auf Ebay. Natürlich „wie neu“. Es bleibt ein Friedhof. Doch auch wenn die Körper leblos herum liegen. Was ist mit der Seele?

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Die Streamingdienste und Downloadportale schlagen sich die Köpfe ein, um Musiker exklusiv als Sklaven anzuketten und den Fan zum Abo zu drängen. Jeden Tag werden massenhaft musikalische Ergüsse auf den Markt geschwemmt. Die Plattformen werben wie Discounter-Ketten mit Billigfleisch aus Mastbetrieben und qualvoller Milch aus Melkstätten. Die Künstler werden wie Legehennen in die Terminpläne der Studios gepresst und sollen Ware liefern. Ähnlich zu den bunten Verpackungen der Massenprodukte, sind in der Musikindustrie weniger Künstler, dafür zunehmend Models gefragt. Die Artists müssen auf Instagram funktionieren. Es zählt das Schönheitsideal. Individualität Fehlanzeige. Durchkalkulierte Extreme sind gewünscht. Besonders auffällige Merkmale, die wie ein USP eines Produktes nach Aufmerksamkeit schreien. Das Talent wird dank Autotune und Melodyne simuliert und die Passion stellt ein Produzent mit formelhaften Schemata sicher. Fertig ist die Pop-Ware. Geschmackloser Einheitsbrei reiht sich mit breitem Lächeln auf den leblosen, digitalen Covern der Wish Produktlisten… ich meine der Spotify Playlists. Die Frage nach der Seele erübrigt sich.

Kapitalismus

Die gute alte Stereoanlage wurde ersetzt durch mobile Bluetooth Boxen, die auf dem Tisch vibrierend einen brummigen Bass herausbrüllen und dabei die Lebendigkeit eines echten Panoramas ersticken. Ein Beben, das die seidigen Höhen stranguliert, die der Musik eigentlich Atem spenden sollten. Mit Gewalt versuchen die Smartphones die digitalen Schallwellen durch die Datenwolken auf die Membranen der Lautsprecher zu pressen. Dabei glätten sie alle Ecken und Kanten, die für einen einzigartigen Charakter so wichtig sind. Vielleicht passt ja gerade das zu den glattgebügelten Musikdarstellern? Blechige Laptoplautsprecher mit dem Frequenzband eines Telefons tun dem keinen Abbruch. Kopfhörer sind schon lange nicht mehr wichtig, um Musik zu hören. Als Statussymbole und Accessoires bedienen sie die Generation “Apple”. Der miese Klang scheint keinem aufzufallen. “Beats by Dre” lässt grüßen. Lässig um den Nacken gehängt erfüllen sie in der Regel am besten das, wofür sie geschaffen wurden. Die Zeiten, in denen sich die Stereoanlage vor innerem Auge in eine Band verwandelt und lebensnah ein imaginäres Privatkonzert zum besten gibt, sind vorbei.

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Die Konsumenten möchten billige Massenprodukte und das bekommen sie. So ist das nunmal mit Angebot und Nachfrage im Kapitalismus.